Banjo-Musik

Das Banjo hatte einen wichtigen Anteil daran, synkopierte, ungerade Elemente in die nordamerikanische Musik des späten 19. Jahrhunderts einzuführen. Nicht alles Synkopierte und nicht alle Banjo-Musik mündete in stilreinen Rags oder Cakewalks (die hier gesondert vorgestellt werden). Es gibt auch eine Menge an Aufnahmen von speziellen Banjo-Kompositionen, Banjo-Instrumentalstücken mit afroamerikanischen Stilelementen, Folksongs, sentimentalen Liedern und Medleys mit Dixie-Melodien, die nicht der Form eines Rags oder Cakewalks entsprechen. Von diesen werden einige hier vorgestellt. Manche dieser Kompositionen und Aufnahmen entstanden in Europa, wo originale amerikanische Rags weit weg und wenig bekannt waren.

Der häufige Einsatz des Banjos als Aufnahmeinstrument für frühe Phonographeneinspielungen lag nicht alleine an der Popularität des Ragtime und anderer synkopierter Musik. Er hatte auch instrumententechnische Gründe, die das Banjo zu einem annähernd idealen Aufnahmeinstrument machten: Das Zupfen oder Schlagen der Banjo-Saiten ergibt laute, schnell verklingende Staccato-Töne, die von der akustisch-mechanischen Aufnahmetechnologie der Phonographen-Ära leicht eingefangen werden können. Da ein Banjo von sich aus einen leicht verzerrten Klang hat, fallen auch die aufnahmebedingten zusätzlichen Verzerrungen kaum negativ ins Gewicht.

Interessanterweise läuft der Weg der Schwingungsübertragung eines Banjos auf die gleiche Weise ab, wie die Schallwandlung einer Phonographenschalldose. Daher sind auch der Korpus eines Banjos und eine Schalldose ähnlich konstruiert und sehen ähnlich aus: Die Vibration der Saiten bzw. der Abtastspitze wird kraftschlüssig auf eine Membran übertragen, welche ihrerseits die Luft in Schwingung versetzt. Die Banjo-Membran, ein gespanntes Trommelfell, kann zur Aufnahme direkt auf einen Trichter hin ausgerichtet werden, was es erleichtert, den Schall als kräftig ausgesteuerte Schallrille aufzuzeichnen. Banjo-Aufnahmen vermitteln daher in aller Regel den Eindruck eines energischen, und, durch die deutlich voneinander abgegrenzten Töne, klaren Spiels.

Vess L. Ossman: Old folks at home (Stephen Foster). Banjo mit Klavierbegleitung. Columbia Weichwachswalze 3860, 1898/99.

Vess L. Ossman, zu seiner Zeit „the banjo King oder King of the banjo players genannt, nutzte die schlichte Melodie Fosters, um darüber anschließend in einem gut anderthalbminütigen Solo zu improvisieren und dabei seine Virtuosität auf dem Instrument vorzuführen. Noch deutlich vor Beginn der Jazz-Ära entstanden, ist diese Einspielung eine der frühesten Aufnahmen einer Instrumentalimprovisation, vielleicht die früheste überhaupt. Sie wird noch mit der bei Columbia vor 1899 üblichen Ansage for the Columbia Phonograph Company of New York and Paris vorgestellt.
Vess L. Ossman: Cocoanut Dance (Andrew Hermann). Banjo mit Klavierbegleitung. Columbia Weichwachswalze 3254, 1899/1900.
Vess L. Ossman: Happy Days in Dixie (Frederick Allen „Kerry Mills). Banjo mit Klavierbegleitung. Columbia Weichwachswalze 3826, 1899/1900.
Vess L. Ossman: Darkies awakening (George L. Lansing). Banjo mit Klavierbegleitung. Edison Gold Moulded Record 2607, 1902.
Fred van Eps: Dixie Medley. Banjo mit Klavierbegleitung. Edison Gold Moulded Record 8339, um 1902. Diese Aufnahme wurde unter der gleichen Nummer von einer Einspielung mit Banjo und Orchester abgelöst.
Oberfläche einer 2-Minuten-Gusswalze
Ruby Brooks: Happy Days in Dixie (Frederick Allen „Kerry Mills). Banjo mit Klavierbegleitung. Edison Gold Moulded Record 2613, um 1903.
Fred van Eps: Darkies Dream (George L. Lansing). Banjo mit Orchesterbegleitung. Edison Gold Moulded Record 2605, 1905.
Vess L. Ossman: Patrol comique (Thomas Hindley). Banjo-Solo mit Klavierbegleitung. Busy Bee Record 146, um 1905.
Olly Oakley: Dusky Minstrel. Banjo mit Orchesterbegleitung. Edison Bell Gold Moulded Record, um 1905.
Oberfläche einer 2-Minuten-Gusswalze Wachs
Olly Oakley: Poppies and Wheat (H. G. Hucke). Banjo mit Klavierbegleitung. Edison Bell Gold Moulded Record 914, 1905/06.
Olly Oakley: Frivolity Barn Dance. Banjo mit Klavierbegleitung. Edison Bell Gold Moulded Record 10082, um 1906.
Oberfläche einer 2-Minuten-Gusswalze
Olly Oakley: The Gondolier. Banjo mit Klavierbegleitung. Edison Bell Gold Moulded Record 745, um 1906.
Fred van Eps: Dixie Medley. Banjo mit Orchesterbegleitung. Edison Blue Amberol Record 804, 1911.
Fred van Eps: Omena Intermezzo (B. Hartz). Banjo mit Orchesterbegleitung. Edison Blue Amberol Record 2782, 1916.
Oberfläche einer Edison-Blue-Amberol-Walze Celluloid
Joe Roberts, John F. Burckhardt: Chung Lo (Neil Moret). Banjo-Solo mit Klavierbegleitung. Edison Blue Amberol Record 4671, 1923.

Wie alle nach 1914 produzierten Blue Amberol Walzen ist diese von einer Edison Diamond Disc kopiert.