Stimmenimitationen, Descriptive Scenes und Hörspiele

Zu den ersten Reaktionen auf die neue Erfindung des Phonographen gehörte das Erstaunen darüber, dass die Sprechmaschine nicht nur menschliche Stimmen, sondern auch Musikinstrumente und beliebige andere Laute wiedergeben konnte. Die frühen Walzenproduzenten trugen dieser Verwunderung Rechnung, indem sie Aufnahmen mit imitierten Tierstimmen und sonstigen bekannten Lauten im Repertoire hatten. Ein langlebiger (und hier noch nicht vertretener) amerikanischer Klassiker dieser Gattung ist das Farmyard medley, ein mehrstimmiges Gesangsstück mit den integrierten Stimmen von Tieren eines Bauernhofs.

Bereits um 1900 kamen Aufnahmen auf den Markt, die versuchten, ein realistisches klangliches Abbild von Ereignissen zu vermitteln. Manche davon ähneln bereits den späteren Radiohörspielen, haben aber medienbedingt eine viel kürzere Spieldauer. In der englischsprachigen Variante heißen solche Einspielungen „Descriptive scene“ oder „Descriptive selection“. Charakteristisch für solche Aufnahmen ist das Einbeziehen von Geräuschen und das Hervorrufen von Raum- und Bewegungsillusionen durch den „Patrol“-Effekt, der durch das An- und Abschwellen der Lautstärke beispielsweise den Vorbeimarsch einer Musikkapelle suggeriert. Die Spannbreite des Genres ist weit und liegt zwischen kurzen Programmusikstücken, die um einige naturalistische Elemente angereichert sind, so wie „Chez l’horloger“, und Aufnahmen, die der akustischen Wiedergabe eines Ereignisses ziemlich nahe kommen, wie „The departure of a troopship“. Auch manche humoristische Szenen sind wie Hörspiele aufgebaut, auf unserer Webseite aber der Rubrik „Humoristische Szenen, Monologe, Couplets und Revuentitel“ zugeordnet.

Muckebicke, die stimmlich-klangliche Schilderung eines Familienausflugs auf einem Motorboot, ist ein glänzendes deutsches Beispiel für die Frühform des Hörspiels. Robert Steidl liefert als einziger Sprecher nicht nur die Stimmen aller Familienmitglieder, sondern imitiert auch das dauernd zu hörende Motorgeräusch „Muckebicke, Muckebicke, Muckebicke, Muckebicke…“ und deutet am Ende sogar eine Blaskapelle an.

Unbekannter Stimmimitator: Chants doiseaux, cris d’animaux (Léonce Bergeret). Lioret No. 3, um 1898.
London Regimental Band: The departure of a troopship. Edison Bell Gold Moulded Record 100, um 1905.

Die hohe Stimme des Ansagers Harry Bluff, der in den Jahren nach 1900 einen großen Teil der Aufnahmen der Edison-Bell-Gesellschaft ansagte und selbst zahlreiche Gesangsaufnahmen machte, erweckt den Eindruck, die Walze werde zu schnell abgespielt. Sie spielt jedoch im korrekten Tempo von 160 U/min.
London Regimental Band: The departure of a troopship. Edison Bell Gold Moulded Record 100, um 1905.

Diese Aufnahme ist eine weitere, in den Einzelheiten teilweise stark von der vorangehenden Aufnahme abweichende Einspielung des Titels. Dies beginnt schon mit der Ansage.
Chez l’horloger (imitation du coucou de l’horloge) (Charles J. Orth). Pathé-Gusswalze 7363, um 1905.

Die Musik integriert Kuckucksrufe, Klingeln, Gongs und andere Geräusche als naturalistische Elemente, um ein Uhrengeschäft in Erinnerung zu rufen.
London Concert Orchestra: A hunting scene. Edison Bell Gold Moulded Record 342, um 1906.
Sterling Orchestra: Trafalgar, descriptive. Sterling Record 650, um 1906.

Diese Aufnahme ist ein Versuch, wesentliche Elemente der Schlacht von Trafalgar in größter Dichte akustisch zu vermitteln: der muntere Gesang der Kämpfer vor der Schlacht, die feierlich-ernste Ansprache Horace Nelsons an seine Matrosen, das musikalisch untermalte Schlachtgetümmel mit Kanonendonner, das übergeht in festliche Musik zur Feier des Sieges und zu Ehren des ums Leben gekommenen Nelson.
Bohemian Band: On the plantation. Edison Bell Gold Moulded Record 686, um 1907.

Diese britische Aufnahme versucht den Eindruck einer heiteren, musikalisch beschwingten Stimmung bei der Arbeit in einer Plantage zu vermitteln. Wie bei vielen anderen Aufnahmen ist hier das stereotype Bild von farbigen Arbeitern anzutreffen, die immer fröhlich und musikalisch-beschwingt ihrer Tätigkeit nachgehen.
Robert Steidl: Muckebicke, eine Motorbootsfahrt nach Grünau. Edison Gold Moulded Record, German series 15560, 1907.

Rezension in „Phonographische Zeitschrift, 8. Jg. Nr. 10, Berlin, 21.2.1907, S. 181f. Rubrik „Phonokritik von Max Chop:
Eine allerliebste Humoreske, in der Robert Steidl’s Sprachvirtuosität wahre Triumphe feiert, bietet sich in der unter dem Titel „Muckebicke geschilderten Motorbootfahrt nach Grünau (15560). Die anfangs ziemlich schleierhaft berührende Spitzmarke erfährt sehr bald einfache Erklärung: Das Wort „Muckebicke schnell hintereinander ausgesprochen, bildet die sprachlautliche Imitation des Geräusches, das kleine Motorboote bei schneller Vorwärtsbewegung verursachen; ihm entspricht das Kommando: „Langsam rückwärts! „Buck Dich! Wir begleiten also die Familie auf ihrer Muckebicke-Fahrt die Spree hinauf, unter der Schillingsbrücke, von wo die frohe Jugend so gern auf die Fahrgäste spuckt, hinweg, die Dahme hinauf. Manche possierliche Zwischenfälle ereignen sich. Die eminent schwere Rolle, mit dem Geräusch des Motors die lebhafte Unterhaltung an Deck zu verflechten, gelingt Steidl hervorragend, sodaß der launige Einfall prächtig unterhält und zum lachenden Miterleben zwingt. Natürlich laute[t] die erste Bestellung an den Kellner, sobald man am Ziele den Fuß auf die Landungsbrücke setzt: „Grüne Aale mit Jurkensalat!””