Hörspiele und Descriptive Scenes

Bereits die frühe Tonindustrie hat eine Gattung entwickelt, die dem späteren Hörspiel ziemlich ähnlich ist, allerdings sind die Aufnahmen medienbedingt von viel kürzerer Spieldauer. In der englischsprachigen Variante heißen solche Einspielungen „Descriptive scene“ oder „Descriptive selection“. Charakteristisch für solche Aufnahmen ist das Einbeziehen von Geräuschen und das Hervorrufen von Raum- und Bewegungsillusionen durch den „Patrol“-Effekt, der durch das An- und Abschwellen der Lautstärke beispielsweise den Vorbeimarsch einer Musikkapelle suggeriert.

Muckebicke, die stimmlich-klangliche Schilderung eines Familienausflugs auf einem Motorboot, ist ein glänzendes deutsches Beispiel für die Frühform des Hörspiels. Robert Steidl liefert als einziger Sprecher nicht nur die Stimmen aller Familienmitglieder, sondern imitiert auch das dauernd zu hörende Motorgeräusch „Muckebicke, Muckebicke, Muckebicke, Muckebicke…“ und deutet am Ende sogar eine Blaskapelle an.

London Regimental Band: The departure of a troopship. Edison Bell Gold Moulded Record 100, um 1905.

Die hohe Stimme des Ansagers Harry Bluff, der in den Jahren nach 1900 einen großen Teil der Aufnahmen der Edison-Bell-Gesellschaft ansagte und selbst zahlreiche Gesangsaufnahmen machte, erweckt den Eindruck, die Walze werde zu schnell abgespielt. Sie spielt jedoch im korrekten Tempo von 160 U/min.
Sterling Orchestra: Trafalgar, descriptive. Sterling Record 650, um 1906.

Diese Aufnahme ist ein Versuch, wesentliche Elemente der Schlacht von Trafalgar in größter Dichte akustisch zu vermitteln: der muntere Gesang der Kämpfer vor der Schlacht, die feierlich-ernste Ansprache Horace Nelsons an seine Matrosen, das musikalisch untermalte Schlachtgetümmel mit Kanonendonner, das übergeht in festliche Musik zur Feier des Sieges und zu Ehren des ums Leben gekommenen Nelson.
Robert Steidl: Muckebicke, eine Motorbootsfahrt nach Grünau. Edison Gold Moulded Record, German series 15560, 1907.

Rezension in „Phonographische Zeitschrift, 8. Jg. Nr. 10, Berlin, 21.2.1907, S. 181f. Rubrik „Phonokritik von Max Chop:
Eine allerliebste Humoreske, in der Robert Steidl’s Sprachvirtuosität wahre Triumphe feiert, bietet sich in der unter dem Titel „Muckebicke geschilderten Motorbootfahrt nach Grünau (15560). Die anfangs ziemlich schleierhaft berührende Spitzmarke erfährt sehr bald einfache Erklärung: Das Wort „Muckebicke schnell hintereinander ausgesprochen, bildet die sprachlautliche Imitation des Geräusches, das kleine Motorboote bei schneller Vorwärtsbewegung verursachen; ihm entspricht das Kommando: „Langsam rückwärts! „Buck Dich! Wir begleiten also die Familie auf ihrer Muckebicke-Fahrt die Spree hinauf, unter der Schillingsbrücke, von wo die frohe Jugend so gern auf die Fahrgäste spuckt, hinweg, die Dahme hinauf. Manche possierliche Zwischenfälle ereignen sich. Die eminent schwere Rolle, mit dem Geräusch des Motors die lebhafte Unterhaltung an Deck zu verflechten, gelingt Steidl hervorragend, sodaß der launige Einfall prächtig unterhält und zum lachenden Miterleben zwingt. Natürlich laute[t] die erste Bestellung an den Kellner, sobald man am Ziele den Fuß auf die Landungsbrücke setzt: „Grüne Aale mit Jurkensalat!””