Humoristische Szenen, Monologe, Couplets und Revuentitel

Unter unseren europäischen Nachbarn hat der deutsche Humor seit jeher keinen guten Ruf. Besonders auf den britische Inseln fühlte (und fühlt?) man sich in dieser Hinsicht überlegen, während man auf deutscher Seite über das dortige Essen herzieht, die Italiener für unzuverlässig hält, die Franzosen und Briten für arrogant etc.: kulturelle Klischees eben.

Was auch immer man von solchen Klischees hält, es ist kaum zu leugnen, dass sie, soweit sie sich auf den deutschen Humor beziehen, einen wahren Kern haben. Viele der deutschen humoristischen Tonaufnahmen aus der Frühzeit haben durchaus die Tendenz zum eher schlichten und angestrengten Humor, siehe Beim Zahnarzt oder Am Stammtisch. Ähnliches wäre von manchen Couplets zu sagen.

Die hier noch schwach vertretenen Revuentitel ermöglichen den Einblick in eine heute fast verschwundene Form der Unterhaltungskultur in Berlin und anderen Großstädten (in Frankreich als Cabaret), wo die locker gemischten Unterhaltungsprogramme mit einem Schuss Frivolität, Militär, Musik und guter Laune viele Gassenhauer hervorgebracht haben. Heute noch bekannte Komponisten von Revuen sind u. a. Friedrich Holländer und Paul Lincke.

Martin Bendix: Leiden und Freuden eines reisenden Schauspieldirektors. Columbia Weichwachs-Walze ohne Nr., um 1898/99.
Unbekannte Sprecher (verm. Martin und Paul Bendix): Beim Zahnarzt. Apollo-Weichwachswalze ohne Nr., um 1899/1900.
Unbekannter Sänger mit Klavierbegleitung: Cohn macht alles. Apollo-Weichwachswalze 4006, um 1899/1900.

Der Inhalt der Aufnahme hat eine stark antijüdische Tendenz.
Martin und Paul Bendix: Beim Zahnarzt. Edison Goldguss Walze 15008, 1904.
Ida Meyer und Gustav Schönwald: Eine lustige Eisenbahnfahrt. Edison Gold Moulded Record, German series 15061, 1904.
Ida Meyer, Gustav Schönwald: Eine Gardinenpredigt. Edison Goldguss Walze 15028, 1904.
Unbekannte Sprecherin und Sprecher: Nothes (?) Olle um drei Uhr morgens. Gusswalze unbekannten Fabrikats 1954, um 1906.

Der Dialog ist fast inhaltsgleich mit „Eine Gardinenpredigt“.
Unbekannter Sprecher (verm. Gustav Schönwald) mit Bläsern: Ein Studentenabenteuer. Unzerbrechliche Lambert-Walze 8188, um 1905.

Wie viele Celluloidwalzen, ist auch dieses Exemplar geschrumpft und läuft unrund. Die Verformung ist so stark, dass die Walze sich nicht fehlerfrei mit unserem elektronischen Gerät abspielen lässt. Sie wurde auf einem Edison-Home-Phonographen abgespielt und über ein Mikrophon aufgenommen.
Gustav Schönwald: Ein Berliner Sonntagsvergnügen. Edison Gold Moulded Record, German series 15307, verm. um 1906.
Carl Lüdicke: Der musikalische Clown. Edison Record, German series 15465, 1906.
Martin und Paul Bendix: In der Volksversammlung. Edison Goldgusswalze 15477, 1906.
Gustav Schönwald: Der Hauptmann von Coepenick vor Gericht. Edison Goldguss Walze 15611, 1906.

Rezension in „Phonographische Zeitschrift, 8. Jg. Nr. 8, Berlin, 21.02.1907, S. 182-183. Rubrik „Phonokritik von Max Chop:
„Den Schluß bildet: „Der Hauptmann von Coepenick vor Gericht“ (15611). Der ausgezeichnete Rezitator ist nicht genannt, ich glaube indessen, sein tönendes Baßorgan wiederzuerkennen, muß mich aber freilich mit der Anonymität bescheiden. Das ist ein aktueller Schlager, in dem der Berliner Mutterwitz, gepaart mit gesunder Satire, pulst! In der Unterhaltung zwischen dem Angeklagten Voigt und dem Vorsitzenden des Gerichtshofs jagt ein Witz den anderen. Bald sind‘s Wortspiele, bald kräftige Seitenhiebe, wohl auch mal behagliche Kalauer, – aber wirken tun sie immer. Wer sich auf harmlose Weise unterhalten wissen und herzlich lachen will, der findet im letzten Teil der Kollektion reiches Material. Also: Flott zugegriffen!
Gustav Schönwald: Der stumme Musikant vor Gericht. Sprecher mit Trompete. Edison Goldguss Walze 15217, um 1906.
Gustav Schönwald und weitere Sprecher mit Drehorgel: Eine Scene auf dem Hofe. Echo Goldgusswalze 8990, um 1906.

Der Aufdruck auf der Dose verspricht die Erfüllung aller Wünsche, die man an eine Walze nur haben konnte: „Die klangvollste tonstärkste dauerhafteste und längste Hartgusswalze frei von jedem Nebengeräusch.
Martin und Paul Bendix: Am Stammtisch. Edison Goldguss Walze 15021, 1907.
Frl. Vincent und Gustav Schönwald: Am Telephon. Edison Goldguss Walze 15342, 1907.
Grete Wiedecke und Ludwig Arno mit Orchesterbegleitung: Bis früh um fünfe, Titellied aus dem gleichnamigen dreiaktigen Schwank (Paul Lincke). Edison Goldguss Walze 15385, 1907.
Heinrich Grossmann mit Orchesterbegleitung: O Susanna (Wilhelm Hinsch). Edison Gold Moulded Record, German series 15391, 1907.
Grete Wiedecke, Ludwig Arno: Schnurriges Allerlei. Gesang mit Orchesterbegleitung. Edison Gold Moulded Record, German series 15432, 1907.
Edison Goldguss Walze Humor Hörspiel Phonograph Wachs
Gustav Schönwald: Eine fidele Gerichtsverhandlung. Edison Goldguss Walze 15462, 1907.
Max Steidl mit Orchesterbegleitung: Schaukellied aus „Auf ins Metropol (Victor Holländer). Edison Gold Moulded Record, German series 15353, 1907/08.
Grete Wiedecke: Die Musik spielt (Roth und Taufstein). Gesang mit Orchesterbegleitung. Edison Goldguss Walze 15361, 1908.
wacht
Schönwald-Ensemble: Das unruhige Haus (Gustav Schönwald). Edison Amberol Record 15023, 1909.

Rezension in „Phonographische Zeitschrift, 10. Jg. Nr. 42, Berlin, 21.10.1909, S. 1003f. Rubrik „Phonokritik von Max Chop:
„ – Endlich noch Gustav Schönwald mit seinem Ensemble! Die humoristische Szene: „Das unruhige Haus (15023, 4 Min.) zeigt ihn im alten Fahrwasser. Ein Berliner Mieter in arger Bedrängnis vor seinem Hauspascha. Er will absolut ausziehen, obwohl ihm der Gestrenge einen Mietsnachlass von fünfzig Mark anbietet. Kein Wunder! Denn in diesem „behaglichen Heim geht es bunt her. Eine ältliche Klavierenthusiastin radebrecht das „Gebet der Jungfrau, ein Posauner bläst unter schmerzhaftem Tonüberziehen den „tiefen Keller, ein Tenor schmachtet das Lied von der „finsteren Mitternacht, ein Sopran erklärt kategorisch: „Ich lass mich nicht verführen! Dazu das Gewimmer eines Leierkastens und andere Ohrenfoltern!! Als aber die Wachtparade unter dem Fenster vorüberzieht, verschwindet der Groll im Herzen des alten Soldaten; er erklärt, unter diesen Umständen wohnen zu bleiben. Sehr amüsant und geschickt dargestellt!